Der Frankfurter Arzt Johannes Richier erwähnte den Osterhasen 1682 erstmals in einer wissenschaftlichen Abhandlung. Der Sohn eines Glaubensflüchtlings aus Frankreich schilderte einen in Deutschland weit verbreiteten Brauch, wonach der Oster-Hase Eier legt und in Gärten versteckt, wo sie unter Gelächter und zum Vergnügen der Erwachsenen von den Kindern eifrig gesucht würden (Wikipedia). Dank der Vermarktung durch Schokoladenfabrikanten ist dieser Brauch, der das Ende der Fastenzeit markiert, heute weltweit bekannt. Kinder lieben den Osterhasen, auch nachdem sie den Schwindel schon längst durchschaut haben.
Der Begriff Osterhasenphysik bezieht sich auf diese Ambivalenz von Brauchtum und Rationalität. Wer die unterschiedlichsten Formeln in einer Textaufgabe versteckt, welche von Schülerinnen und Schülern gefunden, mit den gegeben Angaben bestückt und zum Schluss ausgewertet werden müssen, setzt eine alte Tradition fort, welche jedes physikalische Problem auf eine algebraisch auflösbare Beschreibung reduziert. Als Beispiel sei der Flug einer Gewehrkugel, eines Fuss- oder eines Golfballs erwähnt. All diese Beispiele werden soweit konfektioniert, dass sie mit der schon von Galileo Galilei formulierten Wurfparabel beschrieben werden können. Dabei hätten wir mit der Systemdynamik die Mittel, um Luftwiderstand, Magnuskraft oder den Aufschlag zu simulieren. Wesentlicher als die möglichst präzise Nachbildung der Bewegung ist das damit zu gewinnende Strukturwissen. Impulsbilanz, Kinematik und Energiebilanz lassen sich graphisch so darstellen, dass die ganze Strukturierung augenfällig wird. Anfangswerte sowie Parameter, die getrennt von der dynamischen Struktur formuliert werden müssen, sind durch mehrfaches Simulieren zu analysieren und zu validieren. Der Weg vom formelzentrierten zum systemdynamischen Physikunterricht ist auch für gestandene Lehrkräfte nicht einfach, wird dafür durch ein unglaublich weites Anwendungsfeld und einen erstaunlichen Lernfortschritt belohnt.
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